Andrea Kolb
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[bearbeiten] Bienvenid@s beim Colectivo Con-spirando in Santiago de Chile: ¡Con-spiramos!
www.conspirando.cl Website des Frauenkollektives Con-spirando, Santiago de Chile
Vernissage der Revista Con-spirando Nr. 55 mit Tanz, Juni 2007
Cordillera de Los Andes, Santiago de Chile
Marisols Living: Hier wohne ich
[bearbeiten] Santiago de Chile, 15 de agosto 2007
Cómo están? Wie geht es euch? Wie fühlt ihr euch auf der anderen Seite der Welt, sechs Stunden voraus?
Schon über drei Monate bin ich nun in Chile, weit im Süden, tanto tiempo! – He perdido un poco el norte … ? „Perder el norte“ bedeutet auf spanisch „die Orientierung verlieren“, der Polarstern im Norden, der Referenz- und Orientierungspunkt der Seefahrt, steht wohl dafür, „el norte“ kann auch einfach „Ziel“ bedeuten: „Dónde está tu norte – was sind deine Pläne, wohin geht es“? Im Süd-Nord-Dialog bekommt diese Redewendung nochmals eine andere Bedeutung …
Tatsächlich habe ich einige Zeit gebraucht wirklich anzukommen, vielleicht auch gerade weil es nicht das erste Mal ist, dass ich hier in Santiago de Chile bin. Die Erwartungen vor allem von meiner Seite aus waren hoch, gerade sofort – auf gut chilenisch „al tiro“ – voll einzusteigen. Doch das ganze mitgebrachte Gepäck aus der Schweiz, der Stress vor der Abreise, die ganze Geschichte, braucht auch seine Verarbeitungszeit. Jeder Anfang hat zuerst einmal ein Ende, das im cinfo-Ausreise-Kurs Gelernte kommt mir wieder in den Sinn: Abschied nehmen, Abschliessen, Ballast abwerfen braucht Zeit. Und das Neue ist schon da! Das Leben ist hier, im Moment, aquí y ahora.
Da ich Santiago bereits während meines dreimonatigen Aufenthaltes im chilenischen Winter 2005 kennen lernen durfte, fällt mir anderes auf als beim ersten Mal. Das wird sicher auch in meinen Überlegungen sichtbar, sie sind persönlicher, detaillierter, geographische und kulinarische Aspekte sind mir nicht mehr so wichtig. Plötzlich höre ich brasilianische TouristInnen aus der Menge heraus… und habe doch immer noch Mühe, die Leute hier zu verstehen, die rasend schnell und ziemlich unartikuliert sprechen, die Satzenden weglassen, verschlucken. Gleichzeitig verstehe ich mehr und mehr, auch die modismos, chilenismos, wie z.B. „catchai?“ – Checksch es? Und ich fühle mich daheim in dieser 6-Millionen-Stadt wunderschön eingerahmt, eingekesselt zwischen der beeindruckend riesig weissen Andenwand und den runden grünen Hügeln. Letzte Woche hat es geschneit, mitten in der Stadt, kommt eher selten vor – das hat mich irgendwie weihnächtlich gestimmt… So kalt sei es seit 30 Jahren nicht mehr gewesen, heisst es, und anscheinend sind die Gas- und Elektro-Öfeli restlos ausverkauft. Viele trösten sich – wie ich – mit einem guatero, einer Bettflasche: die beste Erfindung der Welt! In Chile gibt es eine Redewendung, die in etwa besagt „Wenn wir den August überstanden haben, dann haben wir es wieder für ein Jahr geschafft“. Doch es gibt auch die warmen Sonnentage, unzählige Kinder spielen im Park und schlecken ihre Glacés! Niederschläge, Regen bedeutet, tags darauf ist es beissend kalt, doch auch, dass die Luft gereinigt wird, aufatmen, denn im Winter, wenn fast kein Lüftchen weht, erstickt Santiago im Smog. Oft fliesst das Wasser lange nicht ab, eine Strasse zu überqueren, kann zur Unmöglichkeit werden, teilweise kann frau sich für einige pesos mit einem Karren auf die andere Seite kutschieren lassen. – Mal sehen, was uns der August noch bringt!
Die vielen Hunde in der Stadt fallen mir nicht mehr so auf, auch nicht ihre vielen in den Beton eingegrabenen Pfoten, Grossstadtfährten, wohl aber ihr Gebell, unsere Nachbarn im Mittelklassequartier Ñuñoa haben anscheinend mindestens 8. Aber der Grossstadtlärm ist eine Sache für sich, der Autoverkehr und der alltägliche Stau gehören zu den unangenehmeren Seiten. Am Morgen zwischen 8 und 10 Uhr rollt die Blechlawine in vielen Strassen Einbahn Richtung Zentrum, die Metro und die Micros fräsen vollgestopft vorbei, vielleicht ist es möglich, sich beim überübernächsten reinzuquetschen. Seit der Einführung des neuen Transportsystems Transantiago im Frühjahr ist das Vorankommen in der Stadt eher schwieriger geworden, es fahren weniger Busse auf ein paar wenigen Routen: eine Schreibtischplanung, an den Bedürfnissen der Leute vorbei. Die Präsidentin Michelle Bachelet ist recht unter Beschuss geraten, obwohl das neue System von ihrem Vorgänger geplant wurde.
Ansonsten freu ich mich über das viele Grün in der Stadt, die hohen Palmen, mir kommt es vor als würde immer etwas Neues blühen, zur Zeit ist es gerade der gelbe Aromo. Und vor meinem Fenster hängen die Orangen, hoch oben, unerreichbar, habe mit Hilfe meines Schirms ein paar wenige stibitzen können…
Gestern Nacht habe ich den aufgehenden Mond über Santiago de Chile bewundert, die Stadt ist (noch) nicht so grell beleuchtet, hat auch keinen plan lumière … La Luna hat sich präsentiert wie ein riesiges Lächeln, eine Schale, horizontal! Eine andere Perspektive von der südlichen Halbkugel aus?! Ich bin angekommen.
Sur – Norte, das ist auch hier ein ständiges Thema, beladen mit vielen Bedeutungen, auch Stereotypen, spiritueller Reichtum hier, technologisches Potential dort etc., Asymmetrie, Macht… Gerade im Umfeld von ONG/NGOs ist das Thema präsent. Ich höre zu, werde oft auch gefragt „wie ist es bei euch?“ und merke, dass ich wirklich manchmal vergleiche, etwa wenn ich an die zuverlässig-regelmässig fahrenden Züri-Trams denke, da ich gerade mit eiskalten Füssen bereits fast eine Stunde auf ein Micro (Bus) warte und – zusammen mit einer weiteren frierenden Santiaguina – einmal mehr das neue Transantiago verwünsche… Vergleichen, Unterscheiden, Werten – oft liegt das alles ziemlich nach beieinander. „Discriminar“ bedeutet sowohl unterscheiden als auch diskriminieren, benachteiligen.
Gleichzeitig merke ich auch, dass ich mich auch zwischen den Kulturen fühle, denn ich lebe hier das alltägliche Leben, quetsche mich wie alle anderen in Metro und Micro und merke, dass ein Arbeitsweg unvorhergesehen lang sein kann, stimme in das Jammern über die winterliche Kälte ein, freue mich über frische sopaipillas (Kürbisküchlein) … Der Norden ist weit weg, auch es sich oft einfach über Mail und skype kommunizieren lässt, doch das tägliche Leben, der Alltagsrhythmus, findet vor Ort statt und richtet sich nach den Bedürfnissen der Leute vor Ort. – Dass sich gerade die Kommunikation zwischen verschiedenen Realitäten oft nicht einfach gestaltet, wird mir einmal mehr sehr bewusst. Das Kommunizieren, Vermitteln zwischen zwei Welten und verschieden geprägten Werten ist eine wahre Herausforderung!
Ich hoffe, euch geht es gut, es würde mich freuen, von der einen oder dem anderen etwas zu hören, hasta pronto, herzliche Grüsse
Andrea Kolb
PS. Chile – Lust auf mehr? – Bienvenid@s mit Links!
[1] Colectivo Con-spirando, Santiago de Chile
http://www.feministastramando.cl Was hecken diese Feministinnen nur aus? http://nomasviolenciacontramujeres.cl/cms/ Netzwerk gegen häusliche Gewalt in Chile: Cuidado! El machismo mata!
http://www.villagrimaldi.cl/esp/index_esp.htm Villa Grimaldi – Gedenkstätte “Parque por la Paz“ auf dem Gelände des ehemaligen Folterzentrums Augusto Pinochets
http://www.violetaparra.scd.cl/musica.htm Violeta Parra: 10-Sekunden-Appetizers ihrer Musik …
http://www.cinearte.cl/ Kultur, alternative Kinos, Theater … http://www.goethe.de/ins/cl/sao/deindex.htm Goethe-Institut in Santiago de Chile http://www.ccespana.cl/ Centro Cultural de España, Santiago de Chile
Traditionellere Kost: http://de.wikipedia.org/wiki/Chile Wer mehr wissen möchte: die wikipedia liefert eine Unmenge Daten über Chile… Oder hausgemacht: http://sitios.cl/ Internetportal in Chile
Con-spirando: Con-spirando. Revista latinoamericana de ecofeminismo, espiritualidad y teología. Santiago de Chile. Números 1 – 55, 1992-2007.
Circling in, Circling out. A Con-spirando Reader. Santiago de Chile 2006.
www.conspirando.cl Website des Frauenkollektives Con-spirando





